Stirbt Österreich aus?

„Bei drei Millionen Erbschaften im Jahr sehen wir da Ansatzpunkte für eine Besteuerung. Etwa nach dem deutschen Modell, wo bei der Firmenweitergabe in der Familie nichts anfällt, sondern nur bei einem Unternehmensverkauf“, so Christian Kern in einem Interview mit der Kronenzeitung vom 13.8.2017.

Drei Millionen Erbschaften – kann das stimmen?

Erben hängt – zumindest nach meinem Verständnis – ursächlich mit einem Todesfall zusammen. Nicht von ungefähr versteht auch das österreichische Behördenportal help.gv.at unter Erbrecht alle Vorschriften, die die Rechtsnachfolge das Vermögen betreffend eines Verstorbenen regeln. Dem zufolge müssten dann für drei Millionen Erbschaften drei Millionen Todesfälle zu beklagen sein, mehr als jeder dritte Österreicher!

Doch ein Blick auf die Daten der Statistik Austria bringt eine „beruhigende“ Zahl ans Tageslicht: Im Jahr 2016 starben in Österreich 80.669 Menschen. Österreich läuft also doch nicht in Gefahr, binnen weniger Jahre völlig ausgestorben zu sein, zumal im Jahr 2016 in Österreich auch knapp 88.000 Kinder das Licht der Welt erblickten.

Wie sagte schon Michael Häupl so treffend: „Wahlkampfzeiten sind Zeiten fokussierter Unintelligenz.“ Dem ist nichts hinzuzufügen …

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Schulsprengel, das unbekannte Wesen

Geplant war es wohl als medialer Befreiungsschlag, das große Ö3-Interview „Frühstück bei mir“ mit Unterrichtsministerin Hammerschmid am 23.4.2017. Ablenken wollte man von den mühsamen Verhandlungen zum Autonomiepaket und vor allem von den schweren Vorwürfen hinsichtlich der „Causa AWS“. Geworden ist es ein erschreckender Beweis über die Unkenntnis unserer Unterrichtsministerin in Sachen Schulrecht.

Gegen Ende des Interviews wurde auch über die Volksschule gesprochen. Hammerschmid erzählte, dass ihre Nichte demnächst in die Volksschule kommt. Auf die Frage, welche Volksschule sie ihr empfehlen würde, kam sinngemäß folgende Antwort: „Auf alle Fälle eine öffentliche, ich würde mich gut informieren und mich dann für eine entscheiden, die klassenübergreifend arbeitet und sich der Reformpädagogik verpflichtet fühlt. (…) Ich würde eine Volksschule suchen, die Schwerpunkte im Bereich der Musik, aber auch der Technik setzt.“ Offenbar ist Unterrichtsministerin Hammerschmid der Meinung, dass man quasi im gesamten Angebot an Volksschulen eines Bundeslandes frei wählen könnte.

Aus den Äußerungen Hammerschmids kann abgeleitet werden, dass die Familie besagter Nichte in Wien wohnt. Also lohnt der Blick ins Wiener Schulgesetz. Unter Abschnitt III „Schulsprengel“ liest man dort in den Paragraphen 47 und 48:

§ 47 (1) Sprengelangehörig sind jene Schulpflichtigen, die im Schulsprengel, wenn auch nur zum Zwecke des Schulbesuches, wohnen.
§ 47 (2) (…) ist jeder Schulpflichtige in eine für ihn nach der Schulart in Betracht kommende Schule, deren Schulsprengel er angehört, aufzunehmen.
§48 (1) Die Gemeinde Wien kann die Aufnahme eines Schülers in eine Pflichtschule verweigern, wenn er dem Sprengel dieser Schule nicht angehört.

Mit anderen Worten: Man kann keineswegs eine öffentliche Volksschule nach Belieben für sein Kind aussuchen, sondern wird aufgrund der Wohnadresse einer öffentlichen Schule zugewiesen. Und das ist nicht nur in Wien so, sondern alle Bundesländer regeln die Schulzuweisung in ihren Landesschulgesetzen in ähnlicher Weise. Auswählen kann man lediglich bei Privatschulen. Die wurden von Hammerschmid aber explizit ausgenommen.

Offen bleibt daher nur mehr die Frage, ob Hammerschmid der Begriff „Schulsprengel“ und seine Bedeutung wirklich unbekannt ist.

Bildung der Eltern entscheidender als Migrationshintergrund

Als dieser Tage die Ergebnisse der Bildungsstandardtestung in Deutsch der Öffentlichkeit präsentiert wurden, war ein Teilergebnis besonders überraschend:

„Vergleicht man jeweils die beiden Extremgruppen, also Jugendliche aus bildungsfernen Haushalten und Schüler/innen mit hochschulisch ausgebildeten Eltern, so ergeben sich Mittelwertdifferenzen zwischen 118 Punkten (in Zuhören) und 80 bzw. 82 Punkten (in Rechtschreiben bzw. Schreiben). Damit übertreffen die Leistungsunterschiede aufgrund unterschiedlicher Bildungsherkunft jene im Zusammenhang mit Migrationshintergrund oder Erstsprache.“ (BIFIE, Bundesergebnisbericht Standardüberprüfung Deutsch 2016, 8. Schulstufe, Seite 124).

Das Bild, das von Politik und Medien dabei gezeichnet wird, ist die so genannte Brennpunktschule oder neuerdings auch Fokusschule, die im schwierigen Umfeld der Großstadt arbeiten muss und daher besondere Unterstützung braucht. Als Lösung wird dabei häufig ein „Sozialindex“ präsentiert, der auf den Berufsstatus und Bildungsabschluss der Eltern, auf den Migrationshintergrund und die Erstsprache abstellt und eine deutliche Ressourcenverschiebung aus den Bundesländern nach Wien mit sich bringen würde. Was das in Zeiten von Kostenneutralität im Bildungsbereich bedeutet, braucht hier wohl nicht weiter ausgeführt zu werden.

Interessant wird es allerdings, wenn man sich die Verteilung der höchsten Bildungsabschlüsse in der Großstadt Wien im Vergleich zu Gemeinden mit weniger als 10.000 Einwohnern ansieht (Quelle: Statistik Austria, Tabellenband EU-SILC 2015, Einkommen, Armut und Lebensbedingungen, Seite 96):

Einwohner Wiens mit …
… maximal Pflichtschulabschluss: 18 %
… Universitätsabschluss: 24 %

Einwohner von Gemeinden unter 10.000 Einwohnern mit …
… maximal Pflichtschulabschluss: 24 %
… Universitätsabschluss: 9 %

Wäre vor dem Hintergrund des BIFIE-Befundes und der Daten der Statistik Austria nicht viel eher eine Unterstützung ländlicher Regionen notwendig als eine Umverteilung in die Großstadt Wien? Zweifelsohne gibt es in den Städten genauso wie am Land Schulen mit besonderen Herausforderungen. Und natürlich muss man diese Schulen unterstützen. Es kann aber nicht so sein, dass dies zu Lasten der ländlichen Regionen geht und schlicht Finanzmittel nach Wien bzw. in die Städte umverteilt werden. Für Schulen mit besonderen Herausforderungen braucht es zusätzliche Mittel!

Kern und die Gewerkschaft – Old Style

Nicht einmal ein Jahr ist Kanzler Christian Kern nun im Amt, viel von seinem euphorisch angekündigten „new deal“ ist nicht übriggeblieben. Weder wirtschaftlich noch politisch und schon gar nicht atmosphärisch in der Koalition. Wohl auch deshalb, weil sich Kern eher als Inszenierungskünstler denn als Politiker versteht.

Aber dort, wo Inszenierung ihre Grenzen hat, kommt das wahre Gesicht des Christian Kern zum Vorschein. Etwa bei den aktuell laufenden Verhandlungen zum Autonomiepaket im Bildungsbereich, wo Kern wörtlich meint: „Ich erwarte, dass die ÖVP jetzt ihre Funktionäre – so wie wir es auch gemacht haben – auf Linie bekommt“. Wenn es brenzlig wird, dann offenbar doch lieber „old style“ …

Ein Gymnasiast mit komplexem Mathe-Problem

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v.l.n.r.: Tobias Oberkofler, Mag. Matthias Hofer (Betreuer der VWA), Univ.-Prof. Dr. Gabriela Schranz-Kirlinger und Univ.-Prof. Dr. Michael Oberguggenberger

Es ist nichts Ungewöhnliches, wenn manche Schüler im Laufe der Schulzeit das eine oder andere Problem mit dem Fach Mathematik haben. Außergewöhnlich ist es aber, wenn ein Schüler über ein ungelöstes mathematisches Problem auf derart hohem Niveau in seiner Vorwissenschaftlichen Arbeit zur Matura schreibt, dass ihn die Österreichische Mathematische Gesellschaft (ÖMG) auszeichnet.

Tobias Oberkofler, der heuer am Imster Gymnasium maturiert hat, konnte kürzlich eine solche Auszeichnung entgegennehmen. Der Preis wurde im Rahmen einer Tagung der ÖMG an der Technischen Universität Wien vom Vorsitzenden, Univ.-Prof. Dr. Michael Oberguggenberger, überreicht. Die Arbeit an ungelösten mathematischen Problemen führt nicht nur an die eigenen Grenzen, sondern auch an jene der Mathematik. Dafür braucht es großes mathematisches Wissen und vor allem Ausdauer. Tobias Oberkofler vereinigt beide Eigenschaften, damit scheint eine naturwissenschaftliche Karriere vorgezeichnet!

Beim Collatz-Problem geht es um Zahlenfolgen, die nach einem einfachen Bildungsgesetz konstruiert werden: Man beginnt mit einer beliebigen natürlichen Zahl n. Ist sie gerade, dann wird n durch 2 dividiert. Ist sie ungerade, dann wird n mit 3 multipliziert und anschließend 1 addiert. Danach wiederholt man diese Vorschrift mit der erhaltenen Zahl. Anscheinend mündet jede Folge mit einer Startzahl größer als Null in den Zyklus 4, 2, 1, unabhängig davon, welche Startzahl n man probiert hat. Doch bewiesen ist das (noch) nicht!

Tobias Oberkofler hat in seiner Vorwissenschaftlichen Arbeit nicht nur bereits vorhandene Theorien verglichen, sondern vor allem auch eigene Lösungsansätze erarbeitet. Die Lösung des Collatz-Problems ist allerdings auch ihm (noch) nicht gelungen. Er kündigte aber im Rahmen der Preisverleihung an, im Zuge seines Studiums weiter daran arbeiten zu wollen.

Die Zahlen der OECD und was daraus gemacht wird

Seit Donnerstag herrscht hektische Schnappatmung im Blätterwald, die OECD hat ihre jährlich wiederkehrende Studie „Education at a Glance 2016“ präsentiert. Binnen weniger Stunden haben Journalisten und Bildungsexperten die mehr als 500 Seiten dicke Studie durchgeackert und kommen zum erwartbaren Schluss: Österreichs Bildungssystem ist teuer, ineffizient und fördert die soziale Segregation.

Laut Medien moniert die OECD am Schulsystem Österreichs die überdurchschnittlich hohen Kosten pro Schüler und Schuljahr. Dass in einem Hochpreisland wie Österreich die Kosten pro Schüler höher sein werden als etwa in Bulgarien, Rumänien oder Polen, liegt auf der Hand. Relevanter ist daher die Frage, wie hoch ist der Anteil der Bildungskosten am Bruttoinlandsprodukt (BIP)? Von teuer kann da keine Rede sein! Dieselbe OECD stellt auf Seite 201 der Studie fest: Während etwa Finnland 3,9 % des BIP ins Schulwesen investiert und der OECD-Durchschnitt bei immerhin noch 3,4 % liegt, begnügt man sich in Österreich mit 3,1 % (siehe Tabelle B2.2, Education at a Glance 2016). Noch dazu ist Österreichs BIP-Anteil für das Schulwesen von 4,2 % im Jahr 1995 auf 3,1 % im Jahr 2013 um ein gutes Viertel reduziert worden!

Argumentiert werden die hohen Kosten mit den angeblich hohen Lehrergehältern. Auch hier gibt es seitens der OECD eindeutige Aussagen: Der Anteil des durchschnittlichen Gehalts von Lehrkräften nach 15 Dienstjahren am durchschnittlichen Gehalt von Berufstätigen mit gleichwertiger Ausbildung beträgt für Volksschullehrer 59 %, für Lehrer in der NMS bzw. in der AHS-Unterstufe 64 % und für Lehrer, die ausschließlich in der Oberstufe unterrichten 69 % (siehe Tabelle D3.2b, Education at a Glance 2016). Kurz gesagt: Österreichs Lehrer verdienen etwa ein Drittel weniger als vergleichbar ausgebildete Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft.

Und natürlich suggeriert man mit der Unterrichtszeit, dass der Lehrerjob nicht einmal ein Halbtagsjob sei. So werden medial die jährlichen Unterrichtsstunden in der Höhe von 779 in der Volksschule, 607 in der NMS bzw. AHS-Unterstufe und 589 in der Oberstufe aufgelistet, den Hinweis auf die Gesamtarbeitszeit von 1776 Stunden, der in der gleichen Tabelle wenige Spalten weiter rechts stehen würde, sucht man allerdings vergebens (siehe Tabelle D4.1, Education at a Glance 2016). Denn natürlich zählen Vor- und Nachbereitung sowie Sozialarbeit ebenfalls zur Lehrerarbeit. Und gerade im Bereich Sozialarbeit lastet auf Österreichs Lehrerinnen und Lehrern eine besondere Verantwortung, denn in keinem anderen Land der OECD ist der Anteil an organisatorischem und pädagogischem Supportpersonal so gering wie in Österreich!

Abschließend noch eine kurze Replik zum ständig wiederholten Märchen, Österreichs Schulsystem würde die soziale Segregation fördern. Das Gegenteil ist der Fall! Betrachtet man die Studienanfänger an Österreichs Universitäten und Fachhochschulen, so kommen diese zu 67 % aus Elternhäusern ohne akademische Ausbildung (siehe: http://www.agenda-austria.at/oesterreich-land-der-bildungsaufsteiger/). Im vielgelobten Finnland ist es genau umgekehrt, dort kommen 66 % der Studienanfänger aus Akademikerhaushalten.

Leider bestätigt sich wieder einmal die Vermutung, dass Medien wie Bildungsexperten die Studie bestenfalls in der kompakten Kurzfassung gelesen haben und daraus ihre einseitigen Schlüsse ziehen. Dass uns genau das in der Bildungsdiskussion keinen Millimeter weiterbringt, braucht allerdings nicht weiter ausgeführt zu werden …

Wie die Friedrich-Ebert-Stiftung eine umstrittene Schulreform schönredet

So wird das wohl auch für das Tiroler Zillertal und Vorarlberg funktionieren …

Für eine gute Schule

Als bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg im Jahre 2011 die grün-rote Regierung an die Macht kam, machte sie sich sofort ans Werk, das bis dahin sehr erfolgreiche Schulsystem gehörig „umzupflügen“. Zentrum der „Schulreform“ war die Gründung von Gemeinschaftsschulen, mit deren Hilfe das Kernanliegen von Grün-Rot, ein (sozial) „gerechtes Schulsystem“ verwirklicht werden sollte. Da an dieser Schulform die Spreizung der Begabungen bei den Schülern sehr groß ist, kann der Unterricht nicht mehr im Klassenverband stattfinden, er wird deshalb individualisiert. Jeder Schüler arbeitet einen auf sein Leistungsvermögen abgestimmten Lernplan ab.

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