Dank an die Lehrerinnen und Lehrer!

Es gibt sie noch immer, die jährlich wiederkehrenden medialen „Aufreger“ in der Bildungsdiskussion.

Da wäre zum einen die Nachhilfestudie der Arbeiterkammer, die den Eindruck vermitteln will, Österreich stünde vor dem Bildungsabgrund. Nicht erwähnt wird, dass 85 % der Befragten angeben, keine Nachhilfe zu benötigen. Ebenso verschwiegen wird, dass in die kolportierten Ausgaben für Nachhilfe auch Kosten für Feriencamps eingerechnet wurden. Und da wäre zum anderen die Diskussion über die Länge der Sommerferien, die pünktlich zu Schulschluss von selbsternannte Bildungsexperten losgetreten wird.

In beiden Fällen würde ein Blick über den Tellerrand lohnen. Denn sowohl bei den Nachhilfekosten als auch bei der Länge der Sommerferien liegt Österreich im internationalen Vergleich deutlich im unteren Drittel. Und: Diese Diskussionen gehen an den echten Problemen unserer Schulen meilenweit vorbei! Eine Bildungsreform jagt zwar die nächste, doch der Nutzen für unsere Kinder ist maximal in homöopathischen Dosen feststellbar.

Statt Dauer-Reformitis brauchen wir wieder Ruhe, Kontinuität, pädagogischen Hausverstand und Verlässlichkeit im Schulsystem. Statt Lehrerbashing brauchen wir mehr Vertrauen und mehr Wertschätzung für unsere Lehrerinnen und Lehrer, die unter schwierigen Bedingungen einen ganz hervorragenden Job erledigen! Ein einfaches „Danke“ am letzten Schultag vor den Sommerferien würde schon oft genügen.

Dieser Kommentar erschien am 7.7.2017 in der Tiroler Tageszeitung.

Schulsprengel, das unbekannte Wesen

Geplant war es wohl als medialer Befreiungsschlag, das große Ö3-Interview „Frühstück bei mir“ mit Unterrichtsministerin Hammerschmid am 23.4.2017. Ablenken wollte man von den mühsamen Verhandlungen zum Autonomiepaket und vor allem von den schweren Vorwürfen hinsichtlich der „Causa AWS“. Geworden ist es ein erschreckender Beweis über die Unkenntnis unserer Unterrichtsministerin in Sachen Schulrecht.

Gegen Ende des Interviews wurde auch über die Volksschule gesprochen. Hammerschmid erzählte, dass ihre Nichte demnächst in die Volksschule kommt. Auf die Frage, welche Volksschule sie ihr empfehlen würde, kam sinngemäß folgende Antwort: „Auf alle Fälle eine öffentliche, ich würde mich gut informieren und mich dann für eine entscheiden, die klassenübergreifend arbeitet und sich der Reformpädagogik verpflichtet fühlt. (…) Ich würde eine Volksschule suchen, die Schwerpunkte im Bereich der Musik, aber auch der Technik setzt.“ Offenbar ist Unterrichtsministerin Hammerschmid der Meinung, dass man quasi im gesamten Angebot an Volksschulen eines Bundeslandes frei wählen könnte.

Aus den Äußerungen Hammerschmids kann abgeleitet werden, dass die Familie besagter Nichte in Wien wohnt. Also lohnt der Blick ins Wiener Schulgesetz. Unter Abschnitt III „Schulsprengel“ liest man dort in den Paragraphen 47 und 48:

§ 47 (1) Sprengelangehörig sind jene Schulpflichtigen, die im Schulsprengel, wenn auch nur zum Zwecke des Schulbesuches, wohnen.
§ 47 (2) (…) ist jeder Schulpflichtige in eine für ihn nach der Schulart in Betracht kommende Schule, deren Schulsprengel er angehört, aufzunehmen.
§48 (1) Die Gemeinde Wien kann die Aufnahme eines Schülers in eine Pflichtschule verweigern, wenn er dem Sprengel dieser Schule nicht angehört.

Mit anderen Worten: Man kann keineswegs eine öffentliche Volksschule nach Belieben für sein Kind aussuchen, sondern wird aufgrund der Wohnadresse einer öffentlichen Schule zugewiesen. Und das ist nicht nur in Wien so, sondern alle Bundesländer regeln die Schulzuweisung in ihren Landesschulgesetzen in ähnlicher Weise. Auswählen kann man lediglich bei Privatschulen. Die wurden von Hammerschmid aber explizit ausgenommen.

Offen bleibt daher nur mehr die Frage, ob Hammerschmid der Begriff „Schulsprengel“ und seine Bedeutung wirklich unbekannt ist.

Bildung der Eltern entscheidender als Migrationshintergrund

Als dieser Tage die Ergebnisse der Bildungsstandardtestung in Deutsch der Öffentlichkeit präsentiert wurden, war ein Teilergebnis besonders überraschend:

„Vergleicht man jeweils die beiden Extremgruppen, also Jugendliche aus bildungsfernen Haushalten und Schüler/innen mit hochschulisch ausgebildeten Eltern, so ergeben sich Mittelwertdifferenzen zwischen 118 Punkten (in Zuhören) und 80 bzw. 82 Punkten (in Rechtschreiben bzw. Schreiben). Damit übertreffen die Leistungsunterschiede aufgrund unterschiedlicher Bildungsherkunft jene im Zusammenhang mit Migrationshintergrund oder Erstsprache.“ (BIFIE, Bundesergebnisbericht Standardüberprüfung Deutsch 2016, 8. Schulstufe, Seite 124).

Das Bild, das von Politik und Medien dabei gezeichnet wird, ist die so genannte Brennpunktschule oder neuerdings auch Fokusschule, die im schwierigen Umfeld der Großstadt arbeiten muss und daher besondere Unterstützung braucht. Als Lösung wird dabei häufig ein „Sozialindex“ präsentiert, der auf den Berufsstatus und Bildungsabschluss der Eltern, auf den Migrationshintergrund und die Erstsprache abstellt und eine deutliche Ressourcenverschiebung aus den Bundesländern nach Wien mit sich bringen würde. Was das in Zeiten von Kostenneutralität im Bildungsbereich bedeutet, braucht hier wohl nicht weiter ausgeführt zu werden.

Interessant wird es allerdings, wenn man sich die Verteilung der höchsten Bildungsabschlüsse in der Großstadt Wien im Vergleich zu Gemeinden mit weniger als 10.000 Einwohnern ansieht (Quelle: Statistik Austria, Tabellenband EU-SILC 2015, Einkommen, Armut und Lebensbedingungen, Seite 96):

Einwohner Wiens mit …
… maximal Pflichtschulabschluss: 18 %
… Universitätsabschluss: 24 %

Einwohner von Gemeinden unter 10.000 Einwohnern mit …
… maximal Pflichtschulabschluss: 24 %
… Universitätsabschluss: 9 %

Wäre vor dem Hintergrund des BIFIE-Befundes und der Daten der Statistik Austria nicht viel eher eine Unterstützung ländlicher Regionen notwendig als eine Umverteilung in die Großstadt Wien? Zweifelsohne gibt es in den Städten genauso wie am Land Schulen mit besonderen Herausforderungen. Und natürlich muss man diese Schulen unterstützen. Es kann aber nicht so sein, dass dies zu Lasten der ländlichen Regionen geht und schlicht Finanzmittel nach Wien bzw. in die Städte umverteilt werden. Für Schulen mit besonderen Herausforderungen braucht es zusätzliche Mittel!

Kern und die Gewerkschaft – Old Style

Nicht einmal ein Jahr ist Kanzler Christian Kern nun im Amt, viel von seinem euphorisch angekündigten „new deal“ ist nicht übriggeblieben. Weder wirtschaftlich noch politisch und schon gar nicht atmosphärisch in der Koalition. Wohl auch deshalb, weil sich Kern eher als Inszenierungskünstler denn als Politiker versteht.

Aber dort, wo Inszenierung ihre Grenzen hat, kommt das wahre Gesicht des Christian Kern zum Vorschein. Etwa bei den aktuell laufenden Verhandlungen zum Autonomiepaket im Bildungsbereich, wo Kern wörtlich meint: „Ich erwarte, dass die ÖVP jetzt ihre Funktionäre – so wie wir es auch gemacht haben – auf Linie bekommt“. Wenn es brenzlig wird, dann offenbar doch lieber „old style“ …

PISA – Den Lehrern dankbar sein!

Seit 6. Dezember herrscht in Österreich wieder einmal PISA-Hysterie. Medien wie selbsternannte Bildungsexperten sehen Österreich kurz vor dem Bildungsabgrund, die Regierung kontert mit unüberlegten Reformplänen. So weit, so schlecht.

Doch wenn sich die nervöse Schnappatmung wieder gelegt haben wird, lohnt ein zweiter Blick auf PISA:
In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich die Schülerpopulation dramatisch hinsichtlich sozioökonomischer Parameter verändert, Migration tut das ihrige. Allein im Zeitraum von der ersten PISA-Testung bis heute hat sich der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund in Österreich verdoppelt und ist nun z.B. etwa fünf Mal so hoch wie in Finnland. Darüber hinaus wurden und werden immer mehr Aufgaben des Elternhauses an die Schulen ausgelagert, allerdings ohne dort die dafür notwendigen inhaltlichen und organisatorischen Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Besonders pikant ist, dass in den letzten 15 Jahren die Ausgaben für Bildung gemessen am BIP um ein Viertel gekürzt wurden und Österreich hier deutlich unter dem OECD-Durchschnitt liegt.

Wenn man also einerseits ständig neue Aufgaben der Schule überträgt, ihr aber gleichzeitig die Ressourcen kürzt, muss man eigentlich den Lehrern dankbar sein, dass sie trotz widrigster Umstände das Niveau halbwegs halten konnten!

Ein Gymnasiast mit komplexem Mathe-Problem

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v.l.n.r.: Tobias Oberkofler, Mag. Matthias Hofer (Betreuer der VWA), Univ.-Prof. Dr. Gabriela Schranz-Kirlinger und Univ.-Prof. Dr. Michael Oberguggenberger

Es ist nichts Ungewöhnliches, wenn manche Schüler im Laufe der Schulzeit das eine oder andere Problem mit dem Fach Mathematik haben. Außergewöhnlich ist es aber, wenn ein Schüler über ein ungelöstes mathematisches Problem auf derart hohem Niveau in seiner Vorwissenschaftlichen Arbeit zur Matura schreibt, dass ihn die Österreichische Mathematische Gesellschaft (ÖMG) auszeichnet.

Tobias Oberkofler, der heuer am Imster Gymnasium maturiert hat, konnte kürzlich eine solche Auszeichnung entgegennehmen. Der Preis wurde im Rahmen einer Tagung der ÖMG an der Technischen Universität Wien vom Vorsitzenden, Univ.-Prof. Dr. Michael Oberguggenberger, überreicht. Die Arbeit an ungelösten mathematischen Problemen führt nicht nur an die eigenen Grenzen, sondern auch an jene der Mathematik. Dafür braucht es großes mathematisches Wissen und vor allem Ausdauer. Tobias Oberkofler vereinigt beide Eigenschaften, damit scheint eine naturwissenschaftliche Karriere vorgezeichnet!

Beim Collatz-Problem geht es um Zahlenfolgen, die nach einem einfachen Bildungsgesetz konstruiert werden: Man beginnt mit einer beliebigen natürlichen Zahl n. Ist sie gerade, dann wird n durch 2 dividiert. Ist sie ungerade, dann wird n mit 3 multipliziert und anschließend 1 addiert. Danach wiederholt man diese Vorschrift mit der erhaltenen Zahl. Anscheinend mündet jede Folge mit einer Startzahl größer als Null in den Zyklus 4, 2, 1, unabhängig davon, welche Startzahl n man probiert hat. Doch bewiesen ist das (noch) nicht!

Tobias Oberkofler hat in seiner Vorwissenschaftlichen Arbeit nicht nur bereits vorhandene Theorien verglichen, sondern vor allem auch eigene Lösungsansätze erarbeitet. Die Lösung des Collatz-Problems ist allerdings auch ihm (noch) nicht gelungen. Er kündigte aber im Rahmen der Preisverleihung an, im Zuge seines Studiums weiter daran arbeiten zu wollen.

Armin Wolf und die Objektivität

Armin Wolf zeigt sich dieser Tage auf Twitter höchst erfreut über eine Strafanzeige der Wochenzeitschrift Profil gegen die FPÖ-Homepage „unzensuriert.at“. Dort wurde auf unterstem Niveau gegen die Profil-Journalistin Christa Zöchling hergezogen, was selbstverständlich abzulehnen ist.

Vorausgegangen war dieser Hetze allerdings ein Artikel Zöchlings im Profil vom 6.9.2015, in dem sie über die Besucher einer FPÖ-Veranstaltung am Viktor Adler Markt in Wien so herablassend und beleidigend schreibt, dass der Presserat sie bzw. das Profil wegen Verstoßes gegen Punkt 7 des Ehrenkodex (Schutz vor Pauschalverunglimpfung und Diskriminierung) verurteilte.

Zitat aus Zöchlings Artikel: „Es sind die hässlichsten Menschen Wiens, ungestalte, unförmige Leiber, strohige, stumpfe Haare, ohne Schnitt, ungepflegt, Glitzer-T-Shirts, die spannen, Trainingshosen, Leggins. Pickelhaut. Schlechte Zähne, ausgeleierte Schuhe.“

Genauso wie die Hetze auf der FPÖ-Seite abzulehnen ist, ist es auch der von Zöchling angewandte Stil der medienöffentlichen Pauschalverurteilung und Diffamierung einer ganzen Wählergruppe. Beides sollte in Österreich keinen Platz haben!

Damit habe ich Armin Wolf konfrontiert und ihn um seine Meinung zu besagtem Profil-Artikel gebeten. Was darauf folgte, ist in dreierlei Hinsicht interessant:

  • Eine Distanzierung Wolfs zu einem solchen Stil gibt es nicht. Einzig ein „Muss man echt nicht gut finden (…)“ war ihm zu entlocken, was allerdings auch impliziert, dass man Zöchlings Artikel sehr wohl gut finden kann.
  • Laut Wolf macht es einen Unterschied, ob man eine „anonyme Gruppe von FPÖ-Sympathisanten“ verunglimpft oder eine konkrete Person. Das eine ist offenbar akzeptabel, das andere nicht. Der Presserat sieht das Gott sei Dank anders.
  • Wolf, der bei der Behandlung seiner Interviewpartner mitunter wenig zimperlich ist, reagiert bei sich selbst dann doch mimosenhaft und untergriffig. Und gibt natürlich keine konkrete Antwort auf eine konkrete Frage.

Bleibt nur mehr eine Frage: Was würde Wolf sagen, wenn sich ein Lehrer in einem Zeitungsinterview über seine Schüler im Stile Zöchlings äußert?