Es ist etwas faul im Schulhause Österreich – Eine Replik

Eine Replik auf Rainer Nowaks Leitartikel vom 25.5.2018 in der Tageszeitung „Die Presse“.

Sehr geehrter Herr Chefredakteur!

Sie sprechen dem angelsächsischen (Privat)Schulwesen das Wort. Über das dortige öffentliche Schulwesen verlieren Sie bezeichnenderweise keine einzige Silbe. Wohl aus gutem Grund, denn in kaum einer anderen Gegend der Erde ist die Kluft zwischen jenen, die sich teure Privatschulen leisten können und daher gute Bildung erhalten und jenen, die das nicht können, größer als in England bzw. den USA. Und die Ursache, warum man tunlichst alle Aufgenommen auch bis zum Ziel bringen muss, liegt wahrscheinlich zu einem guten Teil in Schulgeldern, die um die 50.000 Euro und mehr pro Jahr und Kind betragen können. Darauf möchte man eher ungern als privater Schulbetreiber verzichten, abgesehen davon, dass die zahlenden Eltern eine Gegenleistung für ihr Geld sehen wollen.

Aus Sicht eines Chefredakteurs, der täglich seine Zeitung füllen muss, mag das ewig junge Spiel „Regierung gegen Lehrergewerkschaft“ durchaus Sinn machen, bietet es doch so manch „nette“ Geschichte. Allerdings muss ich Sie enttäuschen. Möchte man Veränderungen und Reformen umsetzen, dann gelingt das in der Regel mit den Betroffen besser, als gegen sie. Nun tritt man im Gegensatz zu Arbeiter- und Wirtschaftskammer einer Gewerkschaft freiwillig bei, kann sogar monatlich austreten, trotzdem ist die große Mehrheit der österreichischen Lehrerinnen und Lehrer Mitglied in der GÖD. Ein kurzer Blick in die jüngere Geschichte zeigt die Sinnhaftigkeit von Reformen ohne Einbindung der Betroffenen. Wie gesagt, aus Sicht des Schulsystems. Aus Ihrer Sicht macht das in Form von Artikeln wahrscheinlich schon Sinn.

Gerade die Zentralmatura in Mathematik ist ein schönes Beispiel dafür, wie man Reformen ohne jegliche Bodenhaftung umsetzen und gleichzeitig in den Sand setzen kann. Für die vielen Oberstufenformen der AHS gibt es genau eine Version der Mathematikmatura (während in der BHS jede Schulart und auch innerhalb der Schularten in viele Versionen unterschieden wird). So passiert es, dass ein naturwissenschaftlicher Zweig mit 4 Stunden Mathematik pro Woche von der 5. bis zur 8. Klasse die gleiche Angabe bekommt wie ein neusprachlicher Zweig, der in der Oberstufe nur 3 Stunden Mathematik pro Woche, in Summe also ein Jahr weniger Mathematik in der Oberstufe genossen hat. Noch skurriler wird es, wenn man sich die Benotung und den Punkteschlüssel ansieht. Ein Punkt an der falschen Stelle weniger und man fällt vom 2er auf den 5er…

Nicht dass die Lehrergewerkschaften im Verein mit den Fachkollegen schon lange vor der Einführung der Zentralmatura auf diese und viele andere Schwachstellen hingewiesen hätten, doch auch damals war es modern, gegen die Fachexpertise der Betroffenen Reformen durchzudrücken. Die Konsequenzen daraus müssen nun Generationen von Maturanten ausbaden. Aber immerhin haben die Zeitungen damals wie heute etwas zu schreiben …

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