Über die Sicherheit, die keine war

Gedanken zu einem vielbeachteten Text von Armin Wolf

Ich bin 1973 geboren, also auch ein Kind des von Armin Wolf skizzierten glücklichen Zeitfensters der 1970er. Wirtschaftlich und auch in punkto Sicherheit schien es damals zumindest an der Oberfläche keine Probleme zu geben. Für jeden ging es wirtschaftlich, beruflich oder finanziell ausschließlich bergauf, über das warum zerbrach sich – sehr zum Leidwesen der heutigen Generation – niemand den Kopf. Die in diesem Zeitfenster angehäuften Schulden der Ära Kreisky zahlen wir noch heute mit Zinsen und Zinseszinsen zurück. Anstatt in guten Zeiten Rücklagen für schlechte zu schaffen, hat man schon damals über die Verhältnisse gelebt und dadurch eine nur scheinbare Sicherheit vorgegaukelt. Es ist daher beachtlich, dass Wolf auch Jahrzehnte später und mit diesem Wissen eine solche vermeintliche Sicherheit, die in Wahrheit eine Bedrohung für zukünftige Generationen war, nicht nur glorifiziert sondern ihr sogar nachtrauert. Sein Hinweis, dass diese Zeit nun vorbei sei und definitiv nicht wiederkehre, zeugt allerdings von einer gewissen Arroganz.

Die ersten zehn Absätze Wolfs sind mit „Die Zeiten ändern sich, man muss sich damit abfinden, dagegen tun kann man nichts.“ zusammenfassbar, wirklich interessant wird es dann ab dem elften Absatz.

„Die Frage ist, ob unsere Gesellschaften und unsere Demokratien in der Lage sind, mit dieser Herausforderung (Anm.: gemeint ist die aktuelle Flüchtlingswelle nach Europa) umzugehen? Oder ob wir die 1930er Jahre wiederholen wollen?“ (…) „Der vermeintliche Ausweg aus der großen Krise war für viele Menschen damals die Flucht in den Nationalismus“ (…) „Wer auf Facebook liest, welche Wut, welche Aggression und welcher Hass da hinausgebrüllt wird, großteils mit Namen und Foto, kann kaum daran zweifeln, dass sich auch heute wieder ‚Reibpartien‘ organisieren ließen wie 1938.“

Dieser Vergleich ist aus mehrfacher Hinsicht völlig unangebracht:

  • Während in Österreich sich so mancher Zorn „nur“ in sozialen Netzwerken artikuliert, gibt es in vielen europäischen Ländern, auch in Deutschland, Brandanschläge und andere Gewaltübergriffe gegen Flüchtlinge. Kein Mensch käme aber auf die Idee, dort solche Vergleiche zu ziehen. Diesbezüglich ist Österreich (noch) eine Insel der Seligen, noch wird „nur“ geschrieben“, noch gibt es kein gewalttätige Ausschreitungen.
  • Es verblüfft doch einigermaßen, dass jemand wie Armin Wolf, der 189.000 Twitter-Follower und 214.000 Facebook-Freunde hat, der als der Social-Media-Journalist schlechthin gilt, dass so jemand über die Auswüchse der großen digitalen Welt verwundert sein kann. Hat Wolf wirklich gedacht, dass unter seinen fast Viertelmillion Facebook-Freunden nur „die Guten“ sind?
  • Ich erinnere an die Demonstrationen gegen die schwarz-blaue Bundesregierung Anfang der 2000er-Jahre, die mit der Morddrohung „Widerstand, Widerstand – Haider, Schüssel an die Wand“ als Schlachtruf gipfelten. Oder an einschlägige Akademikerball-Demonstrationen, die nicht nur ein Trümmerfeld in der Wiener Innenstadt hinterlassen haben sondern auch noch mit dem passenden Titel „Unseren Hass, den könnt ihr haben“ zur Teilnahme aufriefen.
  • Die unter großer medialer Unterstützung gegen eine demokratisch gewählte Regierung eines Mitgliedslandes der EU verhängten Sanktionen waren in Wahrheit die größte Herausforderung der EU der letzten Jahrzehnte, sie widersprachen allen demokratischen Grundregeln, auf die Europa basiert. Und die Medien waren dafür mitverantwortlich.

Doch in all diesen Fällen war die Demokratie in Österreich nie wirklich in Gefahr. Und sie ist es auch in der derzeitigen Flüchtlingswelle nicht. Doch Wolf legt noch einmal nach:

„Ich bin mir nicht sicher, wie „krisenfest“ unsere Demokratien sind – in den letzten 70 Jahren haben sie ja kaum Krisen erlebt. Dementsprechend fehlt vielen Politikern auch die Erfahrung mit Krisen. Sie wirken überfordert und immer weniger Menschen trauen ihnen zu, die neuen Probleme zu lösen. (Die Unfähigkeit der EU-Regierungen, sich auch nur über Länderquoten für Flüchtlinge zu einigen, liefert ja auch ein erschütterndes Beispiel dafür.)“

Man kann zur EU stehen wie man mag. Faktum ist aber, dass es in ihren Grenzen seit 70 Jahren keinen Krieg mehr gegeben hat, dass die alte Feindschaft zwischen Deutschland und Frankreich, die Ursache für Weltkriege war, beigelegt werden konnte, dass Konflikte wie jene zwischen Wallonen und Flamen friedlich gelöst werden konnten, dass der Eiserne Vorhang zusammengebrochen ist und Europa heute wiedervereint dasteht, etc. Ich denke, dass diese Entwicklungen nicht selbstverständlich waren, dass sie sehr wohl auch Krisen waren, die von den handelnden Politikern durchaus respektabel bewältigt wurden.

Jede Gesellschaft bekommt die Politiker, die sie verdient und gewählt hat. Sind wir doch ehrlich: Wenn man als Politiker permanent unter Beobachtung der Medien steht, wo nur darauf gewartet wird, dass ein Fehler passiert, der sofort leidlich ausgeschlachtet wird, wo das Privatleben in die Öffentlichkeit gezerrt wird, wo Freizeit ein Fremdwort ist, wo der Verdienst im Vergleich zur Privatwirtschaft bescheiden ist und noch dazu regelmäßig medial kritisiert wird, wer soll sich so einen Job dann bitte noch antun?

Zu einer krisenfesten Demokratie gehören auch Medien, die als vierte Säule über Politik berichten, sich aber nicht dazu versteigen, Politik machen oder beeinflussen zu wollen. Wir brauchen also Medien, die nicht hysterisch und vor allem auch ideologisch motiviert aus einer Mücke – noch dazu willkürlich aus einer Vielzahl an Mücken herausgegriffen – einen Elefanten machen, sondern die in der gebotenen Ruhe, Objektivität und Seriosität berichten. Denn wenn man den von Armin Wolf besonders gefürchteten „geschmacklosen Schreiberlingen“ auf Facebook oder sonst wo allzu viel Aufmerksamkeit schenkt, sie medial verstärkt und auch noch mit „Nazi“-Vergleichen provoziert, dann darf man sich nicht wundern, wenn aus dem Schreiben plötzlich Gewalt wird. Hier gibt es eine Mitverantwortung der Medien, die sie wahrzunehmen haben. Weniger Hysterie, mehr Rationalität täte gut. Der Wiener würde sagen: Ned amoi ignorieren …

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