Neue Matura, bessere Schule?

Unter diesem Titel veröffentlichte die Tageszeitung „Die Presse“ eine Artikelserie zur bevorstehenden Zentralmatura. Man findet die angesprochen Artikel unter folgenden Links:
Neue Matura, bessere Schule?
Lehrer stehen auf dem Prüfstand
Matura: (K)eine Voraussetzung für die Uni

Als Mathematik- und Physik-Lehrer tut es mir im Herzen weh, wie in dieser Artikel-Serie mit der Mathematik im Zusammenhang mit der neuen Matura umgegangen wird. Da wird einerseits das Schreiben von Analysen und die Beschäftigung mit Literatur richtigerweise als Verlust von Allgemeinbildung kritisiert, doch nur einen Absatz oberhalb wird der falsche Schluss, dass weniger Rechenfertigkeiten ein Mehr an mathematischen Verständnis bedeuten würde als Grundlage für eine (aus Presse-Sicht notwendige) fundamentale Änderung im Mathematikunterricht herangezogen. Eine Seite später wird abermals mit der Mathematik als Negativbeispiel argumentiert („… übten manche Lehrer davor bestimmte Beispiele besonders intensiv …“).

Jetzt mag es schon so sein, dass man als Vertreter der schreibenden Zunft eher den Verlust an Literatur im Deutschunterricht als das Beherrschen grundlegender Rechenfertigkeiten im Mathematikunterricht beklagt, wenn man sich allerdings diverse Sonntagsreden zu der angeblich so großen Notwendigkeit des Ausbaus der MINT-Fächer und der Steigerung der Absolventenquoten in genau diesen Fächern anhört, dann ist man schon etwas erstaunt, dass dazu offensichtlich nur mehr ein angeblich vorhandenes Mathematikverständnis ohne die zugehörigen Fertigkeiten notwendig sein soll. Solcherart ausgebildet werden Maturanten, die ihren Weg an die technischen und naturwissenschaftlichen Fakultäten eingeschlagen, gleich zu Beginn ihres Studiums eine böse Überraschung erleben. Denn die in ihrer Schulzeit verschmähten Rechenfertigkeiten sind dort plötzlich Grundvoraussetzung (und müssen dann in eigens eingerichteten Universitätskursen um teures Steuergeld nachgeholt werden), der in der Schule hochgepriesene Technologieeinsatz im Mathematikunterricht ist dort in den ersten Semestern verboten. Genau das sind aber die Gründe für Artikel drei, dass nämlich die Matura bald keine Voraussetzung mehr für ein Universitätsstudium sein wird.

Ja, die Rolle der (Mathematik)Lehrer wird bzw. hat sich schon geändert. Der auf der BIFIE-Homepage zum Download bereit stehende Aufgabenpool wurde zur geheimen „Mathematik-Bibel“, was darin an Beispielen vorkommt wurde und wird eingeübt und eintrainiert, alles was darin nicht vorkommt, kommt auch nicht mehr im Mathematikunterricht vor. Wozu auch? Das fragen und fordern vor allem Eltern und Schüler. Die Frage, ob Schüler eines Realgymnasiums mit Schwerpunkt in Mathematik, Darstellender Geometrie und Naturwissenschaften im Mathematikunterricht zB nichts mehr von Ellipsen, Hyperbeln und Parabeln erfahren sollen, konnte mir noch niemand plausibel erklären. Und die Frage, warum Schüler eines Sprachenzweiges die gleiche Mathematikmatura wie Schüler eines Realgymnasiums mit etwa einem Jahr mehr Mathematikunterricht bekommen sollen, auch nicht. Ob all diese Veränderungen aber zum gewünschten „Lehrer als Begleiter“ führen, bleibt für mich dahingestellt. Vielmehr sieht dies eher nach „teaching to the test“ aus.

Um nicht missverstanden zu werden, auch ich bin für zentral vorgegebene Elemente im Rahmen der Mathematikmatura. So könnte zB eine Hälfte der Mathematikmatura zentral und für alle gleich vorgegeben werden, die zweite Hälfte wird je nach Typ, Schwerpunkt und durchgenommenen Oberstufenstoff am Standort gestellt. Beide Teile müssen positiv sein, um eine positive Gesamtnote zu bekommen. Aber ich fürchte, dass der Vorschlag eines einfachen Mathematiklehrers zu wenig „expertenhaft“ ist und daher wohl nicht aufgegriffen werden wird …

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