Hamburg und Vorarlberg – der Vergleich macht sicher!

„Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie wiederholt ihre Lehren“. Nichts könnte die Situation der Vorarlberger ÖVP nach der Ankündigung, ganz Vorarlberg zur Gesamtschulmodellregion machen zu wollen, besser beschreiben als dieses Zitat des früheren deutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, besonders wenn man sie mit der Entwicklung der CDU in Hamburg vergleicht.

Im Jahr 2004 erreichte die CDU bei den Wahlen zum Hamburger Landtag die absolute Mehrheit.

Ebenso erreichte die ÖVP Vorarlberg bei den Landtagswahlen 2009 mit 50,79% der gültigen Stimmen die absolute Mehrheit. Schon kurz nach der erfolgreichen Wahl übergab der erfolgreiche Landeshauptmann Herbert Sausgruber an seinen Nachfolger Markus Wallner. Dieser versuchte sich als „Modernisierer“, insbesondere die Forderung nach der Gesamtschule sollte in weiterer Folge eine zentrale Rolle in seiner Politik spielen. Allerdings mit eher bescheidenem Erfolg: Bei der Nationalratswahl 2013 fuhr die ÖVP ein Minus von 5% ein, bei der EU-Wahl 2014 gar ein Minus von knapp 9%. Doch die Warnungen des Wählers wurden in den Wind geschrieben.

Bei den Wahlen im Jahr 2008 landete die CDU in Hamburg bei 42,6 % und schloss ein Bündnis mit den Grünen. Diese forderten als Koalitionsbedingung die „Gemeinsame Schule“. Die Forderung wurde ins Regierungsprogramm aufgenommen und von allen im Landtag vertretenen Parteien unterstützt.

2014 verlor die Vorarlberger ÖVP bei den Landtagswahlen 9%, damit fast jeden fünften Wähler und natürlich die absolute Mehrheit. Kurz nach der Wahl präsentierte Wallner seinen „Wunschkoalitionspartner“ – die Grünen. Und natürlich schrieb man die „Gemeinsame Schule“ ins Regierungsprogramm. 2015 verkündet die schwarze Bildungslandesrätin Bernadette Mennel, dass in wenigen Jahren ganz Vorarlberg zur Gesamtschulmodellregion umgewandelt werden soll und damit alle 11 gymnasialen Unterstufen aufzulassen seien.

Schon im Jahr 2012 versuchte die damals noch schwarze Alleinregierung eine Gesamtschulmodellregion in Lustenau gegen den Willen der Schulpartner durchzusetzen, scheiterte aber binnen 48 Stunden an den bundesgesetzlich verankerten Mitspracherechten der Eltern, Schüler und Lehrer fulminant. Eine solche Niederlage darf es kein zweites Mal geben, daher versucht die nun schwarz-grüne Landesregierung eine Gesetzesänderung beim Bund zu erreichen, die genau diese Mitspracherechte der Schulpartner aushebeln soll und man zukünftig auch gegen den Willen der Betroffenen eine Gesamtschule einführen kann. Ein bezeichnendes Demokratieverständnis gerade von jenen, die basisdemokratische Mitbestimmungsrechte sonst immer wie einen Bauchladen vor sich hertragen.

Wie aber ging es in Hamburg weiter? Im Volk regte sich Unmut. Weshalb sollte man das erfolgreiche differenzierte Schulsystem, das den unterschiedlichen Begabungen der Kinder Rechnung trägt, zerschlagen, weshalb bunte Vielfalt durch erzwun­gene Einheit ersetzen, weshalb unnötige Verunsicherung durch mutwillige Experimente schaffen? Eine Bürgerinitiative erzwang eine Volksabstimmung, bei der – ganz entgegen der Linie der Parteien – fast zwei Drittel des Volkes für das bestehende differenzierte Schulsystem mit dem achtjährigen Gymnasium votierten. Dieses ist seitdem von der Politik unangefochten, während die schwarz-grüne Koalition zerbrach. Bei den Neuwahlen 2011 stürzte die CDU auf 21,9 % ab, im Frühjahr 2015 auf 16 %! Eine Nachwahlbefragung ergab, dass man nicht mehr wisse, wofür die CDU eigentlich stehe.

Am Tag nach der Ankündigung Mennels, ganz Vorarlberg zur Gesamtschulmodellregion machen zu wollen, sprachen sich mehr als 60% der Befragten in einer Umfrage der Vorarlberger Nachrichten gegen dieses Vorhaben aus. Ob die Vorarlberger ÖVP wirklich die richtigen Lehren aus der Geschichte gezogen hat?

Neue Matura, bessere Schule?

Unter diesem Titel veröffentlichte die Tageszeitung „Die Presse“ eine Artikelserie zur bevorstehenden Zentralmatura. Man findet die angesprochen Artikel unter folgenden Links:
Neue Matura, bessere Schule?
Lehrer stehen auf dem Prüfstand
Matura: (K)eine Voraussetzung für die Uni

Als Mathematik- und Physik-Lehrer tut es mir im Herzen weh, wie in dieser Artikel-Serie mit der Mathematik im Zusammenhang mit der neuen Matura umgegangen wird. Da wird einerseits das Schreiben von Analysen und die Beschäftigung mit Literatur richtigerweise als Verlust von Allgemeinbildung kritisiert, doch nur einen Absatz oberhalb wird der falsche Schluss, dass weniger Rechenfertigkeiten ein Mehr an mathematischen Verständnis bedeuten würde als Grundlage für eine (aus Presse-Sicht notwendige) fundamentale Änderung im Mathematikunterricht herangezogen. Eine Seite später wird abermals mit der Mathematik als Negativbeispiel argumentiert („… übten manche Lehrer davor bestimmte Beispiele besonders intensiv …“).

Jetzt mag es schon so sein, dass man als Vertreter der schreibenden Zunft eher den Verlust an Literatur im Deutschunterricht als das Beherrschen grundlegender Rechenfertigkeiten im Mathematikunterricht beklagt, wenn man sich allerdings diverse Sonntagsreden zu der angeblich so großen Notwendigkeit des Ausbaus der MINT-Fächer und der Steigerung der Absolventenquoten in genau diesen Fächern anhört, dann ist man schon etwas erstaunt, dass dazu offensichtlich nur mehr ein angeblich vorhandenes Mathematikverständnis ohne die zugehörigen Fertigkeiten notwendig sein soll. Solcherart ausgebildet werden Maturanten, die ihren Weg an die technischen und naturwissenschaftlichen Fakultäten eingeschlagen, gleich zu Beginn ihres Studiums eine böse Überraschung erleben. Denn die in ihrer Schulzeit verschmähten Rechenfertigkeiten sind dort plötzlich Grundvoraussetzung (und müssen dann in eigens eingerichteten Universitätskursen um teures Steuergeld nachgeholt werden), der in der Schule hochgepriesene Technologieeinsatz im Mathematikunterricht ist dort in den ersten Semestern verboten. Genau das sind aber die Gründe für Artikel drei, dass nämlich die Matura bald keine Voraussetzung mehr für ein Universitätsstudium sein wird.

Ja, die Rolle der (Mathematik)Lehrer wird bzw. hat sich schon geändert. Der auf der BIFIE-Homepage zum Download bereit stehende Aufgabenpool wurde zur geheimen „Mathematik-Bibel“, was darin an Beispielen vorkommt wurde und wird eingeübt und eintrainiert, alles was darin nicht vorkommt, kommt auch nicht mehr im Mathematikunterricht vor. Wozu auch? Das fragen und fordern vor allem Eltern und Schüler. Die Frage, ob Schüler eines Realgymnasiums mit Schwerpunkt in Mathematik, Darstellender Geometrie und Naturwissenschaften im Mathematikunterricht zB nichts mehr von Ellipsen, Hyperbeln und Parabeln erfahren sollen, konnte mir noch niemand plausibel erklären. Und die Frage, warum Schüler eines Sprachenzweiges die gleiche Mathematikmatura wie Schüler eines Realgymnasiums mit etwa einem Jahr mehr Mathematikunterricht bekommen sollen, auch nicht. Ob all diese Veränderungen aber zum gewünschten „Lehrer als Begleiter“ führen, bleibt für mich dahingestellt. Vielmehr sieht dies eher nach „teaching to the test“ aus.

Um nicht missverstanden zu werden, auch ich bin für zentral vorgegebene Elemente im Rahmen der Mathematikmatura. So könnte zB eine Hälfte der Mathematikmatura zentral und für alle gleich vorgegeben werden, die zweite Hälfte wird je nach Typ, Schwerpunkt und durchgenommenen Oberstufenstoff am Standort gestellt. Beide Teile müssen positiv sein, um eine positive Gesamtnote zu bekommen. Aber ich fürchte, dass der Vorschlag eines einfachen Mathematiklehrers zu wenig „expertenhaft“ ist und daher wohl nicht aufgegriffen werden wird …