Zentralmatura – Und täglich grüßt das Murmeltier

Wenn Florian Asamer in seinem heutigen Leitartikel meint, dass die Vorwissenschaftliche Arbeit (VWA) im Gegensatz zu den Klausuren „relativ glatt“ läuft, dann zeugt das davon, dass er sich darüber vor Ort an den Schulen offenbar nicht wirklich erkundigt hat. Denn von „glatt laufen“ sind wir auch im Bereich der VWA weit entfernt.

Der Unterschied zu den skandalösen Pannen bei Probeschularbeiten und Probeklausuren liegt einfach darin, dass bei der VWA die Durchführungsverantwortung bei den Schulen und Lehrern vor Ort liegt und eben nicht beim BIFIE bzw. beim Ministerium. So hat man bei der VWA an den Schulen schüler- und praxisorientiert auf so manchen „Bock aus dem Unterrichtsministerium bzw. dem BIFIE“ reagiert und konnte dadurch einen – von außen betrachtet – glatten Ablauf sicherstellen. Bei den schriftlichen Prüfungen liegt hingegen die Durchführungsverantwortung beim BIFIE und beim Unterrichtsministerium. Nach einer Unzahl an Pannen und Fehlern bei Klausuren und Schularbeiten macht hier der Vergleich sicher! Das Misstrauen, das Eltern, Schüler aber auch Lehrer dem BIFIE und dem Unterrichtsministerium entgegenbringen, wird mit jedem Schritt in Richtung flächendeckender und verpflichtender Zentralmatura größer.

Übrigens ist es genau die VWA, die den aktuellen medialen Aufschrei der Schulpartner in Sachen „gekürzte Vorbereitungsstunden für die mündliche Matura“ zu verantworten hat. Nachdem die Zentralmatura maximal kostenneutral sein darf, mit der VWA aber nun jeder Maturant eine von Lehrern zu betreuende Arbeit schreiben muss (und nicht nur wie in der Vergangenheit wenige Schüler eine vergleichbare Fachbereichsarbeit), hat man schlicht die Geldmittel von den Vorbereitungsstunden zur mündlichen Matura zur VWA umgeleitet.

Bertelsmann ante portas?

Was in Deutschland unter dem Titel „Bertelsmann Republik Deutschland“ schon seit längerer Zeit heftig diskutiert wird, könnte bald auch für Österreich von Bedeutung sein. Nämlich die Frage, ob die bis in höchste politische Kreise Deutschlands vernetzte und dadurch extrem einflussreiche Stiftung des größten Medienkonzerns Europas Bertelsmann nicht bereits ein Staat im Staat sei.

Die Bertelsmann Stiftung verfügt über enorme Ressourcen. 1977 gegründet, hält sie rund 77 Prozent der Aktien der Bertelsmann SE & Co. KGaA. Das erlaubt ihr nicht nur die Beschäftigung von über 300 Mitarbeitern, sondern größte mediale Verbreitung über die in ihrer Hand befindlichen TV-Sender (RTL Group) und Printmedien (zB das Magazin „Spiegel“ in Deutschland, in Österreich ist sie am NEWS-Konzern mehrheitlich beteiligt). Weil die Bertelsmann-Familie Mohn rund drei Viertel der Bertelsmann-Aktien auf die Stiftung übertragen hat, sparte sie obendrein vermutlich gut zwei Milliarden Euro Steuern.

Die Methode der Bertelsmann Stiftung ist immer die gleiche:

Schritt 1: Mittels Rankings, Ratings und Indizes in Form der inflationär erscheinenden Bertelsmann-Studien soll ein angeblicher Skandal oder Missstand quantifiziert, die Ursachen für die schlechte Platzierung daraus abgeleitet und deutliche Handlungsanweisungen für die Zukunft gegeben werden. Zwar hat die Gewichtung der in Rankings, Ratings bzw. Indizes eingehenden Faktoren große Auswirkung auf das Ergebnis, doch eine Offenlegung ebendieser wird man bei vielen Bertelsmann-Studien vergeblich suchen.

Schritt 2: Nach jeder Studie folgt eine breite mediale Berichterstattung in den Bertelsmann-Hausmedien, die wiederum von weiteren Medien und dem Stammtisch übernommen wird.

Schritt 3: Am Ende dieser Kette steht die Politik, die die Handlungsanweisungen in Ermangelung eigener Konzepte sowie aufgrund des medial aufgebauten Drucks bereitwillig apportiert.

Am Dienstag, 9.12.2014, wird nun das Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, Dr. Jörg Dräger, im Rahmen eines Workshops des Wissenschaftsministeriums zur Thematik „Weiterentwicklung des Bildungssystems“ in Wien referieren. Dass bei dieser Veranstaltung Vizekanzler Mitterlehner und Staatssekretär Mahrer anwesend sein werden, unterstreicht den hervorragenden Zugang der Bertelsmann Stiftung auch zu politischen Netzwerken in Österreich.

Im Vorfeld dieser Veranstaltung forderte Dräger in einigen Zeitungsinterviews „faire Transparenz bezüglich der Bildungsergebnisse. Damit man aus dem Blindflug herauskommt. Der Lernfortschritt in jeder Schule ist ein gutes Maß dafür, wie gut die Schule mit Herausforderungen umgehen kann.“ (Standard, 4.12.2014) und meinte damit unausgesprochen den ersten Schritt in der Bertelsmann-Methode. Dass das österreichische Bildungssystem an angeblichen Missständen nichts zu wünschen übrig lässt, wird vor allem auch von Bertelsmann-eigenen Medien kolportiert. Und dass die heimische Politik schon lange keine brauchbaren Antworten auf die brennenden Fragen in Schule und Bildung hat, ist hinlänglich bekannt. Beste Voraussetzungen also für ein Change Management à la Bertelsmann!

P.S.: Dass die Bertelsmann Stiftung für die Einführung der Gesamtschule steht, sei hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt …