Wie der Schelm denkt, so ist er

Seit gestern ist mit der Veröffentlichung des Koalitionsübereinkommens klar, wohin der neue schwarz-grüne Zug in Vorarlberg in den nächsten Jahren fahren soll. Ich möchte mich in den folgenden Zeilen auf das Bildungskapitel beschränken und gleich vorweg festhalten, dass darin durchaus sinnvolle und praxistaugliche Dinge stehen. Im Zentrum der medialen Berichterstattung steht allerdings wenig überraschend die Gesamtschule. Immerhin ist ihr auch ein eigener Punkt im Koalitionsübereinkommen gewidmet:

Schulen der 10- bis 14-Jährigen weiterentwickeln: Die Chancengerechtigkeit und Leistungsorientierung an den Schulen der Sekundarstufe I ist auf Basis der Erkenntnisse des Forschungsprojekts „Schule der 10 bis 14-Jährigen“ weiter auszubauen. Eine spätere Bildungswegentscheidung wäre für die Kinder von Vorteil und würde die Volksschulen deutlich entlasten. Auf dieser Grundlage entwickelt die Landesregierung nach Abschluss des Forschungsprojektes ab Mai 2015 einen Vorschlag für einen regionalen Schulversuch „Gemeinsame Schule“ und ersucht die Bundesregierung, diesen zu ermöglichen. Ungeachtet dessen werden die Erkenntnisse des Forschungsprojektes, die im eigenen Bereich umgesetzt werden können, offensiv angegangen.

Dieser Text ist allerdings gleich in mehrfacher Hinsicht verräterisch:

1) Zwar möchte man den Abschluss des Forschungsprojekts zur Gesamtschule abwarten, allerdings nur zeitlich. An den Ergebnissen scheint man kein Interesse zu haben. Ab Mai 2015 soll ein regionaler Gesamtschulversuch entwickelt werden, unabhängig davon, was beim Forschungsprojekt herauskommt.

2) Was man unter „regional“ zu verstehen hat, machte heute der Grüne Landessprecher Rauch via APA deutlich: „Die Grünen sprechen sich für das Rheintal mit seinen rund 280.000 Bewohnern als geeignete Modellregion für einen Schulversuch zur Gesamtschule aus.“ In Vorarlberg leben etwa 375.000 Menschen, demnach wären drei von vier Vorarlbergern von der Gesamtschule betroffen.

3) „… ersucht die Bundesregierung, diesen zu ermöglichen.“ Hinter diesen harmlos wirkenden Worten verbirgt sich ein demokratiepolitischer Anschlag der Sonderklasse. Es ist nämlich geltendes Recht, dass die Schulpartner (Eltern, Schüler und Lehrer) in der Frage „Gesamtschulversuch“ Mitbestimmungsrechte haben. Konkret müssen zwei Drittel in jeder Kurie für einen solchen Schulversuch stimmen. Schon einmal scheiterte eine geplante Modellregion Lustenau binnen 48 Stunden an eben dieser Hürde. So etwas darf kein zweites Mal passieren. Daher strebt man jetzt eine Gesetzesänderung an, die genau diese Mitbestimmungsrechte aushebelt. Und nachdem es sich dabei um ein Bundesgesetz handelt, braucht es die Bundesregierung. Jene, die permanent Basisdemokratie und Schulautonomie wie einen Bauchladen vor sich hertragen, schrecken also nicht davor zurück, demokratische Mitbestimmungsrechte abzuschaffen, wenn es der eigenen Ideologie dienlich ist.

4) Eine Gesamtschule ist nur dann eine Gesamtschule, wenn sie alternativlos ist. Die Einführung der Gesamtschule – auch nur im Schulversuch in einer Modellregion – geht zwingend mit der Abschaffung von Gymnasien, Hauptschulen, Neuen Mittelschulen, Sonderschulen, Schwerpunktschulen für Sport, Musik, Naturwissenschaften, Informatik etc. Hand in Hand.

Das alles steht nicht im Koalitionsübereinkommen. Daran gedacht werden sie beim Verfassen dieser Vereinbarung schon haben, die Herrschaften von Schwarz und Grün im Ländle. So wie der Schelm denkt, so ist er eben auch!

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4 Kommentare zu “Wie der Schelm denkt, so ist er

  1. Müssen Schulversuche an Bundesschulen nicht alle auch von der Bundesregierung genehmigt werden? Wir sind mit dem Anliegen, einen dringend nötigen Schulversuch (Ethik) an unserem BRG durchführen zu dürfen, von Bundesseite aus abgewiesen worden.

  2. Natürlich muss ein Schulversuch nach dem Durchlaufen der rechtlich festgelegten Dinge am Schulstandort auch schlussendlich vom Bildungsministerium genehmigt werden. Bei diesem Genehmigungsprozess sind etwa finanzielle Auswirkungen und auch die Befassung des SGAs inklusive der Diskussion und der Abstimmung im SGA zu dokumentieren. Wenn dort schon die notwendigen Quoren in jeder Kurie nicht erreicht wurden, brauchst Du den Schulversuch gar nicht im BMBF einreichen, weil er dann aus formalen Gründen nicht genehmigt werden kann. Und um genau diese Hürde geht es beim Ansinnen, die Mitspracherechte der betroffenen Schulpartner bei der Frage „Gesamtschulversuch – Ja oder Nein“ einzuschränken. Übrigens nicht nur in Vorarlberg sondern auch in Tirol, wo LR Palfrader ganz offen in einem Zeitungsinterview die Abschaffung der Wahlfreiheit für Eltern und ihre Kinder gefordert hat um eben auf kurzem Weg die Gesamtschule einzuführen.

  3. Du weißt aus unseren fb-Diskussionen, dass ich unter derzeitigen Rahmenbedingungen kein Freund der Gesamtschulbestrebungen in Österreich bin. Man muss aber nicht mit der Folge einer angeblich zwindend nötigen Abschaffung von Schulschwerpunkten (Punkt 4) drohen – diese gibt es ja in der Regel auch in Gesamtschulländern. Solche Halbwahrheiten dienen nicht gerade der Sache, sondern sind eher dazu angetan, Misstrauen gegen die Gesamtschulgegner und deren berechtigte Einwände.zu schüren.

  4. Ich drohe nicht mit der Abschaffung von Schulschwerpunkten, es ergibt sich logischerweise aus der Definition der Gesamtschule. Der Standard hat folgende Defintion von Gesamtschule veröffentlicht:

    „Gesamtschule bedeutet den Verzicht auf differenzierende Schultypen wie etwa in Österreich Hauptschule und AHS-Unterstufe. Auch auf die Einteilung in verschiedene Leistungsklassen wird oft verzichtet. Alle Kinder gehen also (wie in Österreich in den vier Volksschuljahren) zunächst in den gleichen Schultyp, eine Differenzierung wird meist nicht wie in Österreich und Deutschland mit zehn Jahren, sondern erst mit 14, 15 oder 16 Jahren vorgenommen.“ (http://mobil.derstandard.at/2023857)

    Wo genau passen da Schwerpunktschulen hinein? Ist eine Schwerpunktschule nicht doch wieder eine Differenzierung etwa in jene, die eben in Musik besser sind und in jene, die in Sport besser sind. Solche Unterscheidungen sind aus der Logik einer Gesamtschule unnötig und daher nicht vorgesehen. Warum sollte man Kinder hinsichtlich ihrer generellen schulischen Leistungsfähigkeit NICHT differenzieren können, hinsichtlich ausgewählter Bereiche wie Sport, Musik, Informatik oder Naturwissenschaften aber schon? Die Lehrer einer Gesamtschulklasse werden es doch schaffen, dass mit der heterogenen Situation hinsichtlich der musischen und sportlichen und allen anderen Begabungen pädagogisch wertvoll umgegangen wird. Oder bezweifelst Du das etwa?

    Aus gutem Grund verschweigen Gesamtschulfreunde genau diese Tatsachen. Denn es scheint zumindest in manchen Medien modern zu sein, die AHS Unterstufe abzuschaffen, aber die Schwerpunktschulen gleich dazu, das möchte man dann doch nicht. Der Ehrlichkeit wegen wäre diese Information aber wichtig …

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