Rückzieher vom Rückzieher – und die OECD kann durchatmen

Nachdem Unterrichtsministerin Heinisch-Hosek erst im März neben anderen auch den PISA-Test im Jahr 2015 aufgrund des Datenlecks im BIFIE für Österreich abgesagt hat, folgt nun – für alle höchst überraschend – der Rückzieher vom Rückzieher. Selbst Armin Wolf twitterte „Pisa? ‚Das ist gegessen‘, sagte Ministerin Heinisch-Hosek in der ZiB2. Offenbar doch nicht.“

Durchführen soll den PISA-Test laut Medienberichten das BIFIE. Jenes BIFIE, das nach dem Datenleck am Beginn des Jahres nun eine noch nie da gewesene Pannenserie im Zuge der Zentralmatura hingelegt hat und das nach dem nicht ganz freiwilligen Rücktritt der beiden Direktoren derzeit quasi führungslos ist. Zwar verspricht die Unterrichtsministerin tiefgreifende Reformen im BIFIE bis Jahresende, Ernst nehmen kann man solche Versprechungen in Anbetracht der kompletten Fehleinschätzung Heinisch-Hoseks kurz vor der Zentralmatura allerdings nicht: „Die neue Matura wurde über 10 Jahre gut vorbereitet …“ (BM Heinisch-Hosek, Presseaussendung vom 5.5.2014). Beste Voraussetzungen also für eine erfolgreiche Testdurchführung …

Wenn es also nicht der kometenhafte Reformprozess des BIFIE war, was war dann der Grund für den plötzlichen Rückzieher vom Rückzieher? Eine Antwort finden wir in einem offenen Brief namhafter Bildungswissenschafter an „Mr. PISA“ Andreas Schleicher, den mittlerweile mehr als 2200 Menschen mitunterzeichnet haben:

Um PISA und eine große Zahl daran anschließender Maßnahmen durchzuführen, ist die OECD „Public Private Partnerships“ und Allianzen mit multinationalen, profitorientierten Unternehmen eingegangen, die bereitstehen, um aus jedem von PISA identifizierten – realen oder vermeintlichen – Bildungsdefizit Profit zu schlagen. Einige dieser Firmen verdienen an den Bildungsdienstleistungen die sie für öffentliche Schulen und Schulbezirke bereitstellen. Diese Firmen verfolgen u.a. auch Pläne, eine profitorientierte Grundschulbildung in Afrika zu entwickeln, wo die OECD derzeit plant, PISA einzuführen.

Vereinfacht ausgedrückt: Wenn Österreich nicht an PISA teilnimmt, dann gibt es auch keine lukrativen Folgeaufträge für diverse Unternehmen und keine einträglichen Follow-up-Studien für hinlänglich bekannte Institute im Sog der regelmäßig über das Land hereinbrechenden PISA-Hysterie. Und auch selbst ernannte Bildungsexperten haben es schwerer, ihre Wortspenden käuflich an den Mann oder die Frau zu bringen.

Was aber für die OECD noch viel gefährlicher war: Ist erst einmal mit Österreich ein Exempel für den Boykott von PISA statuiert, dann könnten andere Staaten folgen. Wenn sich erst einmal herumgesprochen hat, dass es auch ein bildungspolitisches Leben nach bzw. ohne PISA gibt, dann bricht das PISA-Kartenhaus aus stets aufs Neue eskalierenden Rankings verbunden mit handfesten ökonomischen Interessen in sich zusammen.

Genau das galt es zu verhindern. Schnell war man mit der Drohung, Österreich mache sich mit der Absage des PISA-Tests international lächerlich, bei der Hand. Hinter den Kulissen begann ein unvorstellbares Lobbying, das letztendlich heute – aus Sicht der OECD – zum Erfolg führte. Unterrichtsministerin Heinisch-Hosek gab klein bei und muss nun am kommenden Montag der versammelten Öffentlichkeit nach BIFIE-Datenleck, Testabsagen und Zentralmaturapannen eine weitere Schlappe erklären. Bleibt nur mehr die Frage offen, wann nach dem Rückzieher der Rücktritt der Unterrichtsministerin folgt.

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Jedes Jahr aufs Neue: Lehrer- und Schulbashing mit der Nachhilfekeule

Jedes Jahr aufs Neue publiziert die Arbeiterkammer kurz vor Schulschluss eine Studie über das Thema Nachhilfe. Und jedes Jahr aufs Neue ist die mediale Darstellung der Arbeiterkammer-Studie extrem unseriös. So übertitelt etwa der ORF Tirol einen Bericht über diese Studie auf seiner Homepage mit den hetzerischen Worten „Eltern kostet die Schule Millionen“.

Eine Interpretation, die den Zahlen der Arbeiterkammerstudie gerecht würde, würde dem österreichischen Schulwesen und allen Lehrern ein großes Kompliment aussprechen. Denn es gibt, wie wir zuletzt auch von der PISA-2012-Studie bestätigt bekamen, in Österreich im internationalen Vergleich wenig Nachhilfe.

Exemplarisch seien ein paar Gustostückerl, wie mit Daten und Ergebnissen manipulativ bzw. selektiv umgegangen wird, hier präsentiert. Die im Folgenden verwendeten Zahlen beziehen sich immer auf die Nachhilfestudie der Arbeiterkammer Tirol und betreffen Tiroler Eltern. Die Arbeiterkammer Tirol hat zusätzlich zur bundesweiten Befragung 300 Tiroler Haushalte mit insgesamt 511 Schulkindern befragen lassen. In vielen Darstellungen ergeben sich Prozentsätze, die in Summe weit mehr als 100% ergeben. Die Arbeiterkammer argumentiert das mit Mehrfachnennungen innerhalb einer Familie mit mehreren Kindern.

Der ORF schreibt: „23 Prozent der Tiroler Eltern bestätigten, dass zumindest eines ihrer Kinder im laufenden Schuljahr oder den letzten Sommerferien externe Nachhilfe benötigt hat: Bei 15 Prozent war es eine bezahlte Nachhilfe.“
Der ORF schreibt nicht: 85% der Tiroler Eltern benötigen KEINE kostenpflichtige Nachhilfe (Seite 22)!

Der ORF schreibt: „Der Gesamtbedarf an Nachhilfe ist mit 32 Prozent jedoch deutlich größer. Schließlich sind auch jene neun Prozent der Eltern hinzuzurechnen, die zwar Unterstützung gebraucht hätten, diese aber – meist aus finanziellen Gründen – nicht engagieren konnten.“
Der Zusatz „meist aus finanziellen Gründen“ ist Demagogie pur! Denn nur 40% der Eltern, die Nachhilfe gebraucht hätten, sie aber nicht bekommen haben, gaben finanzielle Gründe dafür an. 60% dieser Eltern gaben an, entweder keine geeignete Lehrperson gefunden zu haben oder verwiesen auf „andere Gründe“ (siehe Seite 36).

Der ORF schreibt: „4 von 10 Tiroler Haushalten mit Nachhilfebedarf benötigen für ihr Kind das ganze Schuljahr über Nachhilfe. (…) Das angestrebte Ziel wird in 86 Prozent der Fälle auch erreicht.“
Verschwiegen wird vom ORF allerdings, was „das angestrebte Ziel“ war! In 39% der Fälle wollte man durch Nachhilfe eine positive Note verbessern, weitere 39% geben „andere Gründe“ an und nur in 28% der Fälle war die Verbesserung einer negativen Note der Beweggrund für Nachhilfe (Seite 31)!

Der ORF schreibt: „Jeder betroffene Haushalt gibt im Schuljahr 2013/14 inklusive der vorangegangenen Sommerferien durchschnittlich 619 Euro für Nachhilfe aus.“
Verschwiegen wird vom ORF, dass in einem Teil der Haushalte für mehr als ein Kind Nachhilfe bezahlt wurde und die Summe pro Schulkind daher 564 Euro beträgt (Seite 37). Pro Kind und Monat kommt man so auf einen Betrag von 47 Euro. Ein Vergleich mit den Kosten einer Arbeitsstunde eines beliebigen Handwerkers macht schnell klar, dass maximal von 2 Stunden Nachhilfe pro Monat die Rede sein kann.

Dass sogar ein so anerkannter Bildungsexperte wie Andreas Salcher auf solche Manipulationen hereinfällt, ist zwar bedauerlich, aber leider nicht zu verhindern. Selbst dann nicht, wenn er vor laufender Kamera auf seinen Irrtum hingewiesen wird.

Die Vermutung liegt nahe, dass hier gezielt ein erfolgreiches Schulsystem und seine Lehrer in Misskredit gebracht werden sollen. Schade, denn dieses Lehrer- und Schulbashing jedes Jahr aufs Neue haben sich weder Schüler noch Lehrer verdient!

BIFIE: Rücktritt der Direktoren reicht nicht!

Ich bin einer Meinung mit Rudolf Taschner. Der Rücktritt der BIFIE Direktoren löst keinesfalls das Grundproblem des BIFIE, das sich zu einem massiv geldverschwendenden Moloch verselbstständigt hat. Konsequenzen muss es auch für die mehr als schlampig arbeitenden „Expertengruppen“ der enzelnen Fächer geben, die etwa in Deutsch mehr als bedenkliche Texte der NS-Ideologie ohne historischen Kontext als Angabe geben …

http://diepresse.com/home/meinung/quergeschrieben/rudolftaschner/3805535/Grenzenlos-inkompetent_Sperrt-den-ganzen-Laden-einfach-zu

Hochmut kommt vor dem Fall

Die Woche vom 5. bis zum 11. Mai des Jahres 2014 wird wohl als historisch in die jüngere Geschichte Österreichs eingehen. Nein, ich meine jetzt nicht den Sieg Österreichs beim Eurovision-Song-Contest durch die Kunstfigur „Conchita Wurst“, verkörpert durch Thomas Neuwirth, zu dem ich natürlich sehr herzlich gratuliere. Ich meine die skandalösen Vorgänge rund um die Zentralmatura, die in dieser Woche an vielen AHS- und BHS-Standorten erstmalig durchgeführt wurde.

Konnte sich das für die Durchführung verantwortliche Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des österreichischen Schulwesens, kurz BIFIE genannt, am Montag nach der Zentralmatura aus Deutsch noch in Sicherheit wiegen (die inhaltliche Kritik setzte erst zeitversetzt ein), so kam es Mitte der Woche bei der Englisch-Zentralmatura knüppeldick. Völlig überraschend erhöhte es nämlich die Schwelle, ab der eine Englisch-Klausur positiv ist, von 60 % auf 63 % und zog es vor, die Betroffenen von dieser Maßnahme erst nach der Matura zu informieren.

Doch während sich die Medien noch lautstark über dieses Kommunikationsdesaster alterierten, brach schon die nächste Katastrophe über das BIFIE und damit auch über das Unterrichtsministerium herein. An einigen Wiener Gymnasien wurden fehlerhafte Angabehefte für die Mathematik-Zentralmatura geliefert. Anstatt der vorgeschriebenen 24 Beispiele fanden die Maturanten nur acht Beispiele zur Lösung vor. Die Matura musste unterbrochen und ein Notfallplan in Gang gesetzt werden. Erst mit mehrstündiger Verspätung konnte schlussendlich die Matura zu Ende gebracht werden.

Verständlich, dass bei diesen untragbaren und skandalösen Vorgängen die verantwortliche Unterrichtsministerin „die Nase voll hat“. Bei allem Respekt für eine ins Trudeln geratene Unterrichtsministerin, aber noch viel mehr Grund, die Nase vom BIFIE voll zu haben, haben die Lehrerinnen und Lehrer an weiterführenden Schulen. Über viele Jahre lang musste man sich vom BIFIE die pädagogische Welt erklären lassen, wurden von so genannten Experten bewährte Lehrkräfte, die die Machenschaften des BIFIE kritisch hinterfragten, als altmodisch und ihre Unterrichtsmethoden als aus der Steinzeitpädagogik stammend abqualifiziert. Viele bunte BIFIE- Hochglanzbroschüren zur neuen Reifeprüfung kamen an die Schulen, dass sich diese fachlich und organisatorisch zum Teil widersprachen und in vielen Fällen fern jeglicher Schulrealität waren, schien weder im BIFIE noch im Unterrichtsministerium auf größeres Interesse zu stoßen. So ist es derzeit im Fach Mathematik immer noch möglich, mit einer bestimmten Punktezahl die Note „Gut“ zu bekommen, hat man allerdings im falschen Teil der Klausur auch nur einen einzigen Punkt weniger, so erhält man die die Note „Nicht genügend“. Kontinuität gab es beim BIFIE ausschließlich bei den jährlich steigenden Kosten, die auch der Rechnungshof bereits im Jahr 2011 bei einer Prüfung kritisierte.

Wer aber jetzt glaubt, das wäre es gewesen mit dem Zentralmatura-Skandal, der irrt! Denn war das Problem in Englisch „nur“ eine desaströse und völlig verspätete Kommunikation des BIFIE und in Mathematik schlicht grob fahrlässige Schlampigkeit beim Druck der Matura-Angaben, so kündigt sich im Fach Spanisch ein fachliches Erdbeben an. Nach ersten Rückmeldungen betroffener Lehrer und Schüler soll die Matura-Angabe in Spanisch mit diversen Grammatik-, Akzentregel- und Sprachfehlern „garniert“ sein. Eine genaue Analyse ist derzeit im Gang.

Nach dieser Pannen-Serie reicht es nicht, wenn Unterrichtsministerin Heinisch-Hosek nach dem Putzen ihrer vollen Nase personelle Konsequenzen im BIFIE zieht. Dem unsäglichen Treiben dieses Bundesinstituts ist sofort ein Ende zu setzen, das BIFIE ist unverzüglich zu schließen, die Weiterentwicklung des österreichischen Schulsystems hat wieder Aufgabe des Unterrichtsministeriums zu sein. Die so eingesparten Millionen müssen wieder dort investiert werden, wo sie am dringendsten benötigt werden, nämlich im Klassenzimmer! Noch selten zuvor war der weit verbreitete Spruch treffender als hier: Hochmut kommt vor dem Fall.

Tag der Arbeit: Armutsrisiko für Akademiker höher als für Lehrabsolventen

Passend zum Tag der Arbeit, und weil es sich um einen „Meilenstein“ in Österreichs Bildungs- und Sozialgeschichte handelt: Das Armutsrisiko für Akademiker hat sich in Österreich innerhalb von nur einam Jahr laut Statistik Austria fast verdoppelt und war im Jahr 2012 erstmals größer als das Armutsrisiko für Lehrabsolventen.

Hier die genauen Zahlen:

Anteil der Armutsgefährdeten unter den Menschen mit dem jeweiligen Bildungsabschluss (2011; 2012):
Pflichtschule: 20,9 %; 20,5 %
Lehre oder mittlere Schule: 9,4 %; 11,0 %
Höhere Schule: 9,5 %; 13,0 %
Universität: 5,6 %; 11,1 %

Quelle: Statistik Austria (Hrsg.), „Bildung in Zahlen 2012/13 – Schlüsselindikatoren und Analysen“ (2014), S. 99; Statistik Austria (Hrsg.), „Bildung in Zahlen 2011/12 – Schlüsselindikatoren und Analysen“ (2013), S. 99

Wie lange noch werden junge Menschen, die keine zur Matura führende Schule besuchen, von ideologisch Einbetonierten für „benachteiligt“ oder gar „diskriminiert“ gehalten werden?
Wie lange noch wird das Bildungswesen die letzte Spielwiese politischer Fantasten sein?